«Verantwortung über Grenze hinaus»

Von Fabian, geschrieben am 12.02.2009

Die Hartnäckigkeit, mit der die SN Energie am Steinkohle- projekt Brunsbüttel festhält, enttäuscht die Umweltschützer. Grüne und WWF wollen die Bevölkerung mit weiteren Kampagnen sensibilisieren.

Von Brigitte Tiefenauer

«Wir bleiben dran», sagt Fabian Cortesi von der UGS Linth. Zusammen mit dem WWF haben die Grünen eine Postkartenaktion gegen die Beteiligung der SN Energie und der regionalen Stromanbieter am Kohlekraftwerk Brunsbüttel gestartet. «Wir wollten den Stromhändlern mitteilen, dass die Kunden wissen, was bezüglich Strom und Umweltschutz abgeht. Zudem sollen die Lieferanten wissen, dass sie umweltpolitisch auf dem Holzweg sind. Unser Ziel ist es, das Projekt Brunsbüttel abzuwenden», so Cortesi. Darüber, dass die SN Energie nach wie vor nicht auf die Forderungen der Umweltschützer eingeht und das Energieproblem nur schönredet, zeigt er sich enttäuscht.

Kosten für Umwelt nicht inbegriffen

Die Argumentation der Stromhändler, dass es ohne die Steinkohle nicht gehe, bezeichnet Cortesi als «billige Ausrede». Die Palette alternativer Energie ist seiner Meinung nach gross, und deren Produktion und Einsatz eine Frage der Bestrebungen. Wichtig sei es, die Verbraucher zu informieren und zu sensibilisieren.

«Brunsbüttel darf uns nicht egal sein, weil es weit weg ist», nennt Cortesi einen Aspekt der Aufklärung. «Umweltfragen im Zusammenhang mit Strom dürfen wir auch nicht von uns weisen, weil sie uns zu abstrakt sind.» Die Verantwortung für die Umwelt reiche über die Landesgrenzen hinaus. Die Grünen St. Gallen würden sich weiter einsetzen für die Verdoppelung des Anteils erneuerbarer Energie bis 2020 und - mit einer zweiten Initiative in Planung - für die Deckung des gesamten kantonalen Energiebedarfs ohne Kohle- und Atomstrom. «Damit können wir zwar nicht verhindern, dass Brunsbüttel gebaut wird, aber bewirken, dass der Kanton St. Gallen keinen Strom davon bezieht.»

Im «günstigen» Preis der Steinkohle sei derjenige für die Umweltschäden nicht inbegriffen, gibt Cortesi zudem zu bedenken - abgesehen davon, dass die fossile Energie limitiert sei und deren Preis steige, je intensiver und länger man sich davon bediene.

«Die Gesellschaft ist nun mal auf Energie angewiesen. Die richtige Wahl ist eine Frage des Gewissens.»

«Unsägliche Tat im grünen Mänteli»


«Dran bleiben» will man auch beim WWF, wie Roland Peter von der Regionalstelle St. Gallen erklärt. Peter zeigt sich positiv überrascht sowohl von der Kartenaktion als auch von einer zusätzlich lancierten Internet-Petition. Zweitere sei ein versuchsweises Nebenprodukt gewesen, betont er. Der WWF taxiert die 800 qualifizierten Unterschriften bei der nur mässig forcierten Propaganda als «absolut zufriedenstellend». Peter ist sich aber bewusst, dass es sich bei der Petition nur um eine Bittschrift handelt und die Umweltschützer machtlos sind gegenüber der SN Energie und deren Aktionären. «Unsäglich», sagt er, «wie sich die Schweizer Stromfirmen im 'grünen Mänteli' umweltfreundlicher Energieproduktion im Inland an der Dreckschleuder im Ausland beteiligen.»

«Ein Aufschrei ohne Tatbeweis»

Ernst Gossweiler, Direktor des Elektrizitätswerkes Rapperswil-Jona, distanziert sich von der «Gewissensfrage». Brunsbüttel stehe in der Verantwortung der SN Energie; er wolle dazu keine Stellung beziehen. Er betont aber, dass die wirtschaftliche Entwicklung, wie man sie sich wünsche, einen Mehrverbrauch an Energie nach sich ziehe. Handkehrum würde die Mehrheit der Bevölkerung nach erneuerbarer Energie schreien, die wenigsten seien aber bereit, sie zu bezahlen. Die Tatsache, dass die EWJR AG seit Jahren bei 5 Prozent Solar-, Wind- und Aquapower-Energie stehengeblieben sei, spreche Klartext.

Was die Kohlenenergie betreffe, sei sie im Gegensatz zu Öl und Gas geopolitisch und preislich berechenbar. Das CO2-Problem bestehe zwar, die Forschung habe eine Abscheidungsmöglichkeit aber bereits vorgenommen. Vorerst stünden die Lieferanten in der Versorgungspflicht, so Gossweiler, und diese sei zurzeit nur mit dem Bau zusätzlicher Kraftwerke realisierbar.

Naturstrom statt Dreckschleuder: Fabian Cortesi von der UGS Linth zeigt die Aktionskarten gegen das Kohlekraftwerk Brunsbüttel. Bild Noëmi Mariacher

Imagepflege mit 4-Säulen-Strategie

St. Gallen. - Die Sernf-Niederenbach Energie AG (SN Energie) reagiert auf den steigenden Stromverbrauch in der Ostschweiz mit einer 4-Säulen-Strategie. Der Verwaltungsrat der SN Energie informierte die Medien am Mittwoch in St. Gallen. SN Energie setzt an erster Stelle wie bisher auf Wasserkraft. Hinzu kommen verstärkt erneuerbare Energien, Atomkraft und neu Energie, die im Steinkohlekraftwerk Brunsbüttel in Deutschland gewonnen werden soll. Wie andere Schweizer Stromlieferanten beteiligt sich SN Energie an der Firma. Eine Beteiligung am umstrittenen Kraftwerk begründet SN Energie mit dem steigenden Stromverbrauch und mit der Ungewissheit über den Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz.

© Die Südostschweiz; 12.02.2009; Seite 5


Quelle: 12.02.2009, Südostschweiz, von Brigitte Tiefenauer

 Von den Medien